
Ballsport mit Sprachwitz
Im Strafraum (Box) versenkt der Torjäger (Knipser) die Wuchtl (Ball) in der Hitt´n (Tor)
von Ernst Brandl
In diesem Sommer regiert während der Fußball-Weltmeisterschaft in USA, Mexiko und Kanada ein ganz besonderer Mannschaftssport die Sportwelt. Wenn 22 Männer mit Kampfgeist und Torinstinkt, den Ball und meist auch den Gegner laufen lassen, dann begeistert das weltweit Millionen von Zuschauern.
Aber Fußball wird nicht nur weltweit gespielt, und bejubelt, über Fußball wird vor allem rund um den Planeten in allen Gesellschaftsschichten gesprochen ja leidenschaftlich debattiert und gestritten. Fußball ist in aller Munde ob in der tiefsten Provinz oder in urbanen Metropolen und dabei ist, rund um den Fußballsport, ein hochemotionaler, meist dialekt-geprägter und immens vielfältiger Sprachkosmos entstanden.
Über diesen Kosmos wissen Soziolinguisten zu berichten, dass diese Sprachvielfalt in verschiedenen Nutzerebenen begründet ist. Das Regelwerk des Sports hat seine eigene Begrifflichkeit, die Medien (vor allem die Kommentatoren und Journalisten) die das Spiel weltweit populär machten sowieso und dann ist da noch die Sprache der Fans –, in den Stadien, am Stammtisch, im Internet oder auf der Straße. Unsere Muttersprache kennt viele Metaphern aus der Fussballwelt: Wer sich beruhigen soll, der soll „den Ball flach halten“ und wer jemand anderes unfair behandelt, begeht „ein grobes Foul“, erfolgreiche Unternehmen spielen in der „obersten Liga“ und beliebte Politiker zeichnet aus, dass sie in Sachen Bürgernähe „am Ball bleiben“.
Rund um den Ballsport gibt es eine Vielzahl von Metaphern, Floskeln und originellen Ausdrücken
Die Sprache der Akteure des Sports, ob nun Fans, Journalisten, Sportler oder Funktionäre, zeigt, wie sich Gesellschaften und Sprachgebrauch gegenseitig beeinflussen. Von wienerischen Dialekt-Ausdrücken wie „Wuchtl” für den Ball (auch Fetzenlaberl) oder „Wäsch“ bzw. „Leiwal“, für das Fußballertrikot bis zu modernen Begriffen aus dem anglo-amerikanischen Bereich wie „Box” (Strafraum) oder „hydration breaks (Trinkpausen): Fußball ist ein Spiel mit hohem Sprachwitz voller sporttypischer Metaphern, Phrasen, Fachbegriffe und Neologismen.
Rund um den Ball – wohl das global benutzte und verstandene Wort für das kugelige Spielgerät schlechthin – gibt es speziell in Österreich eine Unzahl an herrlich originellen dialektalen Wortkreationen. Aber bleiben wir am „Boi“, der sich auch „Eierlawal“ (scherzhaft für den Ball, dessen Leder sich früher gern eiförmig verformte) oder Wuchtl nennt. Wobei „eine Wuchtl“ (hören sie den Gleichklang mit dem Verb wuchten = etwas Schweres mit viel Kraft in Bewegung versetzen) auch ein satter scharfer Schuss mit dem Ball sein kann.
Warum der österreichische Fußballjargon so wienerisch klingt, erklärt der österreichische Sprachwissenschafter und Soziolinguist Manfred Glauninger in einem Science Newsletter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften folgen: „Der Fußball ist im 19. Jahrhundert aus England nach Kontinentaleuropa gekommen, auch nach Österreich, gegen Ende des Jahrhunderts (…) und der Wortschatz war stark englisch geprägt. Ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Fußball zum Volkssport – in Österreich lange Zeit vor allem in Wien. Denken Sie an das sogenannte Wunderteam und die legendären Spieler aus den 1920er- und 1930er-Jahren. In dieser Zeit entstand eine eigene österreichische Fußballsprache, die stark vom Wienerischen geprägt war und sich von dort über ganz Österreich ausgebreitet hat.“
Der Fußball in Österreich spricht „wienerisch“ und schon seit Anbeginn Englisch
Auch der Hang im Wiener Dialekt zu Verkleinerungsendungen findet sich im Jargon der Fußballer in Österreich wieder. So schätzt man in ganz Österreich nicht nur das Schnitzerl vom Kalb, das flaumige Knöderl und ein süffiges Achterl (meist Wein), sondern auch beim Fußball wird liebevoll verniedlicht: der Fan freut sich auf ein „Metschal“ (Fußballspiel), applaudiert über „a Guakal“ (ein durch die Füße des Gegners gespielter Ball), und ärgert sich über „a Schussal“ (schwacher Schuss eines Kickers).
Interessant ist auch, dass in Österreich – im Gegensatz zu Deutschland – zahlreiche Originalausdrücke aus England im Fußballer-Sprachgebrauch „überlebten“. Bei Übertragungen von Spielen hört man österreichische Kommentatoren von „Hands“, „Out“, „Offside“ und „Corner“ sprechen.
Auch hier ist der Grund in der Anfangsphase des Fußballsports zu suchen. Im Jahr 1903 veröffentlichte nämlich Konrad Koch, ein Lehrer aus Braunschweig, der sich um die Einführung des aus England importierten Sports verdient machte, in der Zeitschrift des „Allgemeinen Deutschen Sprachvereins“, kurzerhand eine Liste mit Eindeutschungen für diesen neuen Ballsport. So wurde aus dem „Kick-off“ der Anstoß, aus dem „Corner“ der Eckball, das „Offside“ zum Abseits, das Hands zum Handspiel und der „Penalty-Kick“ zum Strafstoß. In Deutschland zeigten diese sprachpflegerische Initiative, breite Wirkung. In Österreich, damals ein multilinguales Vielvölkerreich, griff diese deutsche Sprachpflege nicht, sie blieb weitgehend unbekannt – in der Schweiz übrigens auch.
Die globale Vermarktung des Sports, bringt auch neue Anglizismen in die Sprache der Fußballwelt
Sprachvereine haben im Weltfußball im Jahre 2026 freilich keinen Einfluss mehr. Neologismen gibt es trotzdem – auch wenn diese keinen sportlichen Hintergrund oder gar Anstoß erfahren haben, sondern einen marktwirtschaftlichen Zweck dienen. Zur Fußball-WM 2026 unterbrechen erstmals „Hydration-Breaks“ die Spielzeit. Die Trinkpausen dienen im globalen Business des Fußballsports den Spielern nicht nur zur Labung und kurzen taktischen Absprachen, sondern den Veranstaltern solcher Turnierspiel auch zu den erwünschten millionenteuren Werbe-Einschaltungen. Auch wenn man mit Fussball nicht viel am Hut hat: Wie es scheint, kann man diesem Ballsport kaum ins Abseits stellen – vor allem nicht während einer Weltmeisterschaft.
Ernst Brandl, Obmann der IGM – Interessengemeinschft Muttersprache Graz
















