von Rudolf von Gams
Es war einmal ein Österreich, das ans Meer fuhr. Nicht mit Billigflug und Rollkoffer, nicht mit dem Smartphone in der Hand und der Hotelbuchung auf dem Display, nicht mit der bangen Frage, ob das WLAN auch am Strand noch funktioniert. Man fuhr mit der Eisenbahn. Man reiste. Das war etwas anderes. Reisen hatte noch etwas von Aufbruch, von Erwartung, von Weltläufigkeit, und wer in Wien in den Zug nach Süden stieg, der fuhr nicht einfach in den Urlaub, sondern hinein in eine andere Welt, die dennoch zur eigenen gehörte.

Über den Semmering ging die Reise, vorbei an Bergen und Viadukten, weiter nach Süden, nach Triest, Abbazia, Miramare und schließlich nach Grado, an die Adria, die damals gewissermaßen das österreichische Meer war. Natürlich war das Meer niemals österreichisch gewesen, und auch Grado war nie bloß eine Kulisse für kaiserliche Nostalgie. Aber im Lebensgefühl jener Zeit gehörten diese Orte zusammen. Wien hatte sein Meer, und Grado war seine sonnige, südliche Verlängerung.
Grado wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur mondänen Kur- und Badeanstalt, und bald entwickelte sich der Ort zu einer Sommerfrische, in der sich die Gesellschaft des alten Österreich ein Stelldichein gab. Man kam zur Kur, zum Baden und zur Erholung, vor allem aber kam man, um gesehen zu werden und andere zu sehen. Die Promenade wurde zum gesellschaftlichen Laufsteg, die Hotelterrasse zum Salon unter freiem Himmel, die Kurmusik zur akustischen Begleitung eines Lebens, das sich für einige Wochen dem Müßiggang verschrieb.
Müßigang war zur k.u.k. Zeit Österreichs noch eine Kunst
Und Müßiggang war damals noch eine Kunst. Man saß im Kaffeehaus, las Zeitung, spazierte an der Lagune, wechselte ein paar Worte mit Bekannten und beobachtete die Fremden. Man hatte Zeit, sich zu langweilen, und gerade das war ein Zeichen jener alten Welt, die wir heute kaum mehr verstehen. Ein Nachmittag musste nicht effizient sein. Ein Spaziergang brauchte kein Ziel. Eine Bekanntschaft durfte sich langsam entwickeln, und ein Flirt konnte wochenlang von einem einzigen Blick leben. Natürlich war diese Welt keineswegs so heiter und golden, wie sie uns aus alten Ansichtskarten entgegenlächelt. Hinter den eleganten Fassaden lagen soziale Unterschiede, Standesdenken und eine Moral, die sich für Männer und Frauen mit zweierlei Maß darstellte. Gerade die Sommerfrische machte diese Widersprüche sichtbar. Man fuhr nach Grado, um der Enge des Alltags zu entkommen, ohne die gesellschaftlichen Regeln ganz abzulegen. Die Ehe blieb heilig, die Versuchung aber war keineswegs verboten, solange sie diskret blieb. Zwischen Kurmusik, Abendgesellschaft und Spaziergang an der Lagune hatte der Casanova von Grado durchaus Gelegenheit, seine Runden zu drehen.
Diese Welt hatte ihren besonderen Zauber: Sie war voller Regeln und zugleich voller kleiner Übertretungen. Man wusste, wie man sich zu benehmen hatte, und wusste ebenso, wie man diese Regeln umgehen konnte, ohne sie öffentlich zu verletzen. Ein Blick, ein Spaziergang, ein Gespräch auf der Hotelterrasse konnten mehr bedeuten als die ganze heutige Nachrichtenflut. Und dann kam der Sommer 1914.
Der Krieg veränderte Europa, und nach ihm war auch das alte Österreich verschwunden
Noch spielte die Musik, noch saßen die Gäste auf den Terrassen, noch wurde gebadet und geflirtet, noch glaubte man an den nächsten Sommer. Die Nachricht vom Attentat in Sarajevo war zunächst eine politische Meldung unter vielen, doch binnen weniger Wochen zerbrach die Welt, in der Grado seinen besonderen Platz gehabt hatte. Aus dem Sommer der Sommerfrische wurde der letzte Sommer einer Epoche. Menschen, die sich für den nächsten Sommer verabredet hatten, wussten nicht, dass sie gerade Abschied nahmen.
Der Krieg veränderte Europa, und nach ihm war auch das alte Österreich verschwunden. Grado blieb, das Meer blieb, die Lagune blieb, die Häuser blieben. Nur die Welt, zu der sie einmal gehört hatten, war nicht mehr da.
Die besondere Melancholie von Grado aber blieb, es ist die besondere Form des Lebens – die Langsamkeit, die Eleganz, die Kunst des Müßiggangs und jene Selbstverständlichkeit, mit der man von Wien ans Meer fahren konnte, ohne ständig darüber nachzudenken, wo eigentlich die Grenze zwischen „hier“ und „dort“ verlief.
Wenn man heute durch Grado spaziert, sieht man einen italienischen Badeort. Wer aber die Geschichte kennt, kann hinter den heutigen Fassaden für einen Augenblick noch jene andere Welt erahnen: die Damen mit ihren Sonnenschirmen, die Herren in weißen Anzügen, die Kurkapelle, die Hotelterrassen, die kleinen Affären und großen Gespräche, die Wiener Sommergäste, die glaubten, dass die Welt Bestand haben werde.
Das Meer hat von alldem nichts gewusst. Es rauscht heute wie damals, und gerade das ist sein stiller Trost. Die Menschen wechseln, die Staaten wechseln, die Grenzen wechseln, die Moden wechseln – das Meer bleibt. Und so bleibt Grado für mich mehr als ein schöner Ort an der Adria. Es ist ein Erinnerungsort an ein Österreich, das einmal nach Süden fuhr, an ein Österreich, das ans Meer fuhr, und an eine Zeit, in der Reisen noch nicht bedeutete, möglichst schnell irgendwo anzukommen, sondern für eine Weile eine andere Welt zu betreten.
Vielleicht sollte man deshalb, wenn man heute in Grado am Abend über die Promenade geht, nicht nur aufs Meer schauen, sondern auch ein wenig zurück. Vielleicht hört man dann, zwischen dem Rauschen der Adria und dem Stimmengewirr der Gegenwart, noch irgendwo die alte Kurmusik und sieht vor dem geistigen Auge einen eleganten Herrn seinen Hut ziehen, während eine Dame mit Sonnenschirm an ihm vorübergeht. Und für einen kurzen Augenblick ist es wieder da: das alte Österreich, das ins Küstenland ans Meer fuhr.

















