Man trage einen Rucksack und nenne diesen bitte nicht „Bodybag“

Man trage einen Rucksack und nenne diesen bitte nicht „Bodybag“

Man trage einen Rucksack und nenne diesen bitte nicht „Bodybag“

Unsere Muttersprache geht zugrunde und keiner merkt es, weil alle so gern auf Denglisch kauderwelschen

von Klaus Jessenitschnig

Es ist, als säße man noch immer im Wiener Café Central oder im Herrenhof, und irgendein Kraus, Polgar oder Kuh lehnte sich vor und flüsterte: „Schauen Sie, die Sprache geht zugrunde, und niemand merkt’s, weil alle so beschäftigt sind, englisch zu klingen.“ Und so beginnen wir, nicht ohne jenen leichten Sarkasmus, der die einzige ernsthafte Haltung gegenüber dem Unfug unserer Tage ist.

Die deutsche Sprache, diese alte, ehrwürdige Dame mit tausend Falten und ebenso vielen Verzierungen, wird seit Jahren und Jahrzehnten mit Fremdwörtern behängt, als wäre sie eine billige Puppe, die man mit dem letzten Schrei aus Übersee drapieren müsse, damit sie endlich modern erscheine. Man ergänzt sie, sagt man, man bereichert sie, man öffnet sie der Welt – und in Wahrheit verhunzt man sie zu einem Kauderwelsch, das weder Fisch noch Fleisch ist, weder Deutsch noch Englisch, sondern eine Art sprachlicher Mischling, der in keiner anständigen Gesellschaft willkommen wäre. Besonders dumm, ja geradezu genial dumm, sind jene erfundenen Scheinanglizismen, die man hierzulande mit der Miene des Weltbürgers in den Mund nimmt, während der echte Brite oder Ami nur den Kopf schüttelt und sich fragt, ob der Kontinentale nun endgültig den Verstand verloren habe.

Nehmen wir das Wort „Handy“. Im Englischen bedeutet es umgangssprachlich etwas ganz Anderes, etwas, das man besser nicht laut in guter Gesellschaft ausspricht. Wer im englischsprachigen Ausland höflich um ein „Handy“ bittet, riskiert Irritationen, die weit über das Technische hinausgehen. Oder der „Bodybag“: Bei uns ein trendiger Rucksack, in dem man seine Bücher und sein veganes Butterbrot verstaut; im Original ein Leichensack. „Ich gehe mit meinem Bodybag wandern“ – das klingt, als habe man die Nekrophilie zum Volkssport erhoben. Der „Beamer“ ist bei uns ein Projektor, im Englischen umgangssprachlich ein BMW, und das „Public Viewing“ meint hierzulande meist das gemeinschaftliche Anstarren eines Fußballspiels auf Großleinwand, während es im sprachlichen Herkunftsland die Leichenaufbahrung bezeichnet. Man könnte die Liste endlos fortsetzen: „Shooting“ für Fototermin, „Meeting“ für Besprechung, „Team“ für Mannschaft, „Event“ für Veranstaltung – alles Worte, die man ebenso gut auf Deutsch sagen könnte, und zwar präziser, klarer und ohne den Beigeschmack der Anbiederung.

Statt der präzisen deutschen Sprache herrscht ein anglisiertes Gemurmel, das weder die Präzision des Deutschen noch die Eleganz des Englischen besitzt. Es ist, als hätte man die eigene Mutter verleugnet, um einer fremden Tante hinterherzulaufen, die einen gar nicht mag.

Und wir werden täglich mit diesen dummen Begriffen belästigt, obwohl wir oft genug die Vielfalt der deutschen Sprache noch gar nicht ergründet haben. Hier liegt der eigentliche Skandal, der eigentliche Witz und die eigentliche Tragödie. Man predigt uns die Offenheit, die Internationalität, die Notwendigkeit, mit der Zeit zu gehen – und vergißt darüber, daß die eigene Sprache bereits eine Unendlichkeit von Nuancen, Synonymen und regionalen Besonderheiten enthält, die man nur zu heben brauchte, statt sie unter einem Berg von Importware zu begraben. Wer sich gegen die Einführung solcher (teilweise dummen) Worte und Wortkreationen zur Wehr setzt, dem wird – beinahe reflexartig – vorgeworfen, er wehre sich gegen sprachliche Vielfalt. Als ob die Vielfalt darin bestünde, das Eigene zu vergessen und das Fremde falsch nachzuäffen! Dabei kennt man noch nicht einmal die eigene Pracht.

So stehen wir vor der Tatsache, daß wir noch nicht einmal die eigene Sprache in ihrer Pracht und Vielfalt ergründet haben, werden jedoch mit neuen, teilweise völlig unnötigen Begriffen belästigt. Es ist, als besäße man einen Keller voll alter, kostbarer Weine und ließe sie verstauben, während man draußen billigen Fusel aus Plastikflaschen trinkt und behauptet, das sei die Zukunft. Wenn man dann protestiert, kommt irgendein Depp und ruft: „Aber die Sprache lebt! Sie muß sich verändern! Vielfalt!“ Als ob die wahre Vielfalt darin bestünde, das Eigene zu vernachlässigen und das Fremde falsch auszusprechen. Karl Kraus hätte dazu bemerkt, daß die Sprache nicht dadurch modern werde, daß man sie mit Fetzen aus dem Ausland behänge, sondern dadurch, daß man sie rein und scharf halte. Anton Kuh hätte gelächelt und gesagt, der Wiener brauche kein „Handy“, er habe schon immer ein „Telefon“ gehabt, und wenn es nötig war, sei er eben hingegangen. Friedrich Torberg hätte eine Anekdote erzählt von einem Kaffeehausgast, der „Public Viewing“ bestellte und eine Leiche serviert bekam. Und Peter Altenberg hätte einfach notiert: „Man trage einen Rucksack und nenne diesen auch Rucksack. Alles andere ist Literatur.“

Es ist nicht die Abwehr des Fremden, die hier gefordert wird, sondern die Verteidigung des Eigenen gegen die eigene Bequemlichkeit und Eitelkeit. Man importiert Worte, weil man glaubt, sie klängen weltoffener, und vergißt darüber, daß die Weltoffenheit zuerst darin besteht, die eigene Welt zu kennen. Denn wer die eigene Vielfalt nicht kennt, der verdient die fremde nicht, und wer die fremde falsch nachäfft, der verliert beides.

So sitzt man denn im geistigen Kaffeehaus, betrachtet die sprachliche Landschaft und seufzt: Es wäre so einfach, so schön und so deutsch, bei den eigenen Worten zu bleiben und sie in ihrer ganzen Pracht zu entfalten. Stattdessen belästigt man uns mit „Bodybags“ und „Handys“, während die Liste der vergessenen deutschen Wörter immer länger wird. Man kann nur hoffen, daß irgendwann wieder jemand kommt, der dem nächsten Deppen, der „Vielfalt!“ schreit, höflich erwidert: „Zuerst die eigene, mein Lieber. Dann sehen wir weiter.“