
Es gibt Momente, in denen ein Akt der Selbstverständlichkeit als Revolution missverstanden wird. Einer dieser Momente ist jetzt. Dr. Walter Rosenkranz, Präsident des österreichischen Nationalrats, hat verfügt, dass die Kommunikation der Parlamentsdirektion künftig wieder in der Sprache zu erfolgen hat, die in diesem Land Amtssprache ist: Deutsch – in seiner grammatikalisch, orthografisch und syntaktisch korrekten Form. Also ohne Sternchen, ohne Doppelpunkte, ohne Unterstriche, ohne all die orthografischen Stolperdrähte, über die man schon beim Lesen fällt, bevor man den Satz überhaupt verstanden hat.
Man könnte meinen, das sei eine unspektakuläre Verwaltungsmaßnahme. Doch weit gefehlt.
Was in Wahrheit nichts anderes ist als die Wiederherstellung der sprachlichen Normalität, wird von der politischen Linken, von Berufsaktivistinnen und -aktivisten, von „Gender-Kommissaren“ in Redaktionsstuben und Lehrsälen, als Anschlag auf die „Sichtbarkeit von Frauen“ gebrandmarkt.
Es gibt kein Verbot. Es gibt lediglich eine Rückkehr zu geltenden Regeln
Zunächst zur Klärung: Es gibt gar kein Verbot. Es gibt lediglich eine Rückkehr zu geltenden Regeln.
Das ist, als würde man in einem Fußballspiel darauf hinweisen, dass Abseits auch weiterhin Abseits bleibt. Rosenkranz hat nicht den Gebrauch einer „Gender-Sprache“ im privaten oder parteipolitischen Bereich untersagt. Er hat nur verfügt, dass in amtlichen Dokumenten und Veröffentlichungen des Parlaments jene Sprache zu verwenden ist, die für die Verwaltung Österreichs maßgeblich ist.
Und das ist nicht die Sprache der Ideologie, sondern die des Duden. Wer das als „rückschrittlich“ bezeichnet, sollte sich fragen, ob Fortschritt wirklich darin besteht, die deutsche Grammatik nach tagespolitischem Geschmack umzuschreiben. Und ob das Streichen eines Sternchens tatsächlich gleichbedeutend ist mit der Unterdrückung der Frau. Die Auseinandersetzung um das sogenannte Gendern ist längst keine linguistische, sondern eine ideologische Schlacht. Man verwechselt das Genus, also das grammatikalische Geschlecht, mit dem Sexus, dem biologischen und im Regelfall auch gesellschaftlichen Geschlecht. Das ist, als würde man behaupten, die Banane sei weiblich, weil sie im Deutschen feminin ist. Der Mangel an sprachlichem Verständnis wird zur politischen Haltung erhoben, und wer darauf hinweist, wird als „reaktionär“ oder „frauenfeindlich“ etikettiert.
Sprache ist keine willkürliche Spielwiese
Dabei ist die Sprache keine willkürliche Spielwiese, sondern ein jahrhundertealtes System von Bedeutungen, Regeln und Entwicklungen. Sie ist nicht da, um die eigene Moral zu illustrieren, sondern um Gedanken präzise zu transportieren. Und das kann sie nur, wenn man sie nicht verunstaltet. Es ist bemerkenswert, mit welcher Inbrunst jene, die sonst jede Form staatlicher Regelung verdammen, nach Zensur schreien, sobald jemand auf den Gedanken kommt, das Gendern auf amtlicher Ebene zu beenden. Plötzlich wird der freie Sprachgebrauch zum Grundrecht erhoben – freilich nur für jene, die sich an den ideologisch „richtigen“ Sprachformen beteiligen.
Wer lieber einfach Deutsch spricht, muss sich rechtfertigen, als wäre er im Besitz einer gefährlichen Idee. In Klassenzimmern, Universitäten und Redaktionen hat sich ein Klima der Angst etabliert: Schüler und Studenten werden für korrekte Rechtschreibung schlechter benotet, weil sie das Binnen-I oder den Stern vergessen. Manche Lehrende verwechseln ihre pädagogische Aufgabe mit der Missionierung. Aus dem Hörsaal ist ein Tempel der Tugend geworden, in dem das falsche Pronomen als Sakrileg gilt. Es ist diese Heuchelei, gegen die Rosenkranz vielleicht nur unbewusst, aber spürbar auftritt. Er verteidigt nicht nur die Sprache, sondern die Freiheit, sie nicht ideologisch gefärbt verwenden zu müssen.
Wer lieber „einfach“ Deutsch spricht, muss sich rechtfertigen, als wäre er im Besitz einer gefährlichen Idee.
Laut allen verfügbaren Umfragen lehnt eine überwältigende Mehrheit der Österreicher – rund 80 Prozent – das Gendern ab. Nicht aus Bosheit, nicht aus Rückständigkeit, sondern weil sie es schlicht als unnötig, unpraktisch und unästhetisch empfinden. Trotzdem wird diese Mehrheit in öffentlichen Debatten als „bildungsfern“ oder „reaktionär“ abgetan. Das ist eine erstaunliche Form der Arroganz: Wer die Meinung der Mehrheit teilt, wird von einer Minderheit für dumm erklärt.
Demokratie lebt jedoch nicht davon, dass sich eine lautstarke Minderheit über die Mehrheit erhebt, sondern dass Regeln für alle gelten. Und genau das tut Rosenkranz: Er stellt den Gleichheitsgrundsatz in der Sprache wieder her – nicht durch Zwang, sondern durch Entideologisierung.
Rosenkranz hat erkannt, dass das Maß voll ist. Seine Anordnung ist kein Kreuzzug, sondern ein Akt sprachlicher Hygiene. Er stellt Ordnung her, wo die Unordnung zur Tugend erhoben wurde. Natürlich empören sich die üblichen Verdächtigen: Die SPÖ spricht von einem „Sprach-Kulturkampf“, die Grünen wittern ein „Rollback in die 50er Jahre“, selbsternannt „liberale Kommentatoren“ schreiben von einer „Machtdemonstration“. Doch wer die Quellen liest, erkennt rasch: Hier wird niemand unterdrückt – es wird lediglich wieder Deutsch gesprochen. Das ist keine Revolution, das ist gesunder Menschenverstand. Und gerade deshalb ist es für manche so unerträglich.
Eine Gesellschaft, die glaubt, durch Sprachverrenkungen Gerechtigkeit zu schaffen, misstraut letztlich der Vernunft ihrer Bürger. Sie ersetzt Denken durch Zeichen.
Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet jene, die ständig von „Vielfalt“ und „Inklusion“ sprechen, jede sprachliche Vielfalt außerhalb des Gender-Katechismus ablehnen. Wer einfach korrekt Deutsch schreibt, gilt als suspekt. Wer die Sprache verteidigt, verteidigt angeblich „Patriarchat“ und „alte Strukturen“. Dabei ist die wahre Vielfalt die des Ausdrucks, der Stile, der Gedanken. Nicht die des Interpunktionszeichens mitten im Wort. Eine Gesellschaft, die glaubt, durch Sprachverrenkungen Gerechtigkeit zu schaffen, misstraut letztlich der Vernunft ihrer Bürger. Sie ersetzt Denken durch Zeichen. Sprache prägt Denken, ja – aber sie darf das Denken nicht ersetzen. Das Gendern, wie es heute betrieben wird, hat längst den Charakter einer Ersatzreligion angenommen. Mit ihren Dogmen, Ritualen und natürlich auch Exkommunikationen. Wer den Stern vergisst, sündigt. Wer ihn in Frage stellt, wird verbannt.
Walter Rosenkranz’ Entscheidung ist der erste Schritt zur Entzauberung dieses Kults. Er führt die Sprache zurück auf den Boden der Realität. Nicht, weil er die Gleichberechtigung ablehnt, sondern weil er erkennt: Gleichberechtigung braucht keine orthografische Maskerade.
Bild: GAZETTE OESTERREICH
MMag. Klaus S. Jessenitschnig ist Chefredakteur der GAZETTE OESTERREICH www.gazette-oesterreich.at
















